Das Leben einer Frau aus Palästina
Ehrenmord(e)Original von Abul Kasem
http://www.vinnomot.com/ABAL/KasemPalestine.htm
Souad wurde als Teenagerin von einem Jungen aus ihrem Dorf schwanger. Die beschmutzte, palästinensische Familie verurteile sie zum Tode und ihr Schwager setzte sie in Flammen. Jedes Jahr sterben tausende von Frauen (nicht nur) im nahen und mittleren Osten aufgrund von "Ehrenmorden". Souad hat überlebt. Hier ist ihre qualvolle Geschichte.
Er kam zu mir und fragte mich lächelnd: "Hi. Wie geht´s dir?" Er
kaute auf einem Grashalm. "Ich werde auf dich aufpassen."
Ich hatte damit nicht gerechnet. Ich lächelte ein wenig, um mich bei ihm zu
bedanken und traute mich nicht, zu sprechen.
Plötzlich fühlte ich eine kühle Flüssigkeit auf meinem Kopf; ich brannte.
Ich schlug meine Haare. Ich schrie. Meine Kleidung blähte sich hinter mir auf.
Brannte sie auch? Ich roch das Benzin und rannte weg. Verfolgte er mich? Wartete
er darauf, dass ich hinfallen würde, damit er mir zugucken könnte, wie ich in
Flammen aufgehe?
Ich werde sterben, dachte ich. Das ist gut. Vielleicht bin ich schon tot.
Irgendwann wird es vorbei sein.
Ich heiße Souad. Meine Geschichte begann vor fast 25 Jahren in meinem
Geburtsdorf in der West Bank, einem kleinen Platz in einer Region, die damals
von den Israelis besetzt war. Wenn ich mein Dorf nennen würde, könnte ich in
Gefahr sein, obwohl ich jetzt tausende von Meilen weg von dort bin.
In meinem Dorf bin ich offiziell tot; falls ich versuchen würde, dorthin zurückzukehren, würden sie ein zweites Mal versuchen, mich umzubringen, um die Familienehre zu retten. Das ist das Gesetz des Landes.
Das ist so, weil ich eine Frau bin.
Eine Frau muss schnell gehen, den Kopf nach unten richten, als würde sie die
Schritte zählen, die sie macht. Sie soll immer auf ihrem Weg bleiben und
niemals nach oben gucken. Sollte ein Mann nämlich ihre Augen sehen, wird das
ganze Dorf sie als Hure bezeichnen. Damit eine Frau ihren Blick nach oben
richten darf, ein Geschäft betreten, ihre Augenbrauen schminken und Schmuck
tragen darf, muss sie verheiratet sein. Meine Mutter wurde mit 14 Jahren
verheiratet. Wenn ein Mädchen in dem Alter noch nicht verheiratet ist, macht
sich das Dorf über sie lustig. Aber ein Mädchen muss darauf warten, wann sie
in der Familie an der Reihe ist. Zuerst wird die älteste Tochter verheiratet,
dann die anderen.
In unserem Haus gab es vier Mädchen im heiratsfähigen Alter. Es gab auch noch
zwei Halbgeschwister, die von der zweiten Frau von unserem Vater abstammten, die
noch Kinder waren. Der einzige männliche Nachkommen der Familie, der mit Stolz
neben all den Töchtern geboren wurde, war unser Bruder Assad.
Vor 25 Jahren hab ich nur Arabisch gesprochen. Ich war kaum mehr als ein paar
Kilometer von dem letzten Haus auf der schmutzigen Straße entfernt. Ich wußte,
dass es noch andere Städte gab, aber ich hab sie nie gesehen. Ich wußte auch
gar nicht, ob die Erde flach oder rund war. Aber was ich wußte war, dass wir
die Juden hassen mußten, die uns unser Land genommen hatten. Mein Vater nannte
sie alle Schweine. Es wurde uns verboten, nahe an sie heranzutreten, damit wir
nicht auch zu Schweinen werden würden.
Mein Bruder ging zur Schule, aber die Mädchen blieben daheim. Wo ich herkomme,
ist es ein Fluch, als Frau geboren zu werden: zuerst muß eine Frau einen Sohn
gebären, mindestens einen! Wenn sie nur Mädchen auf die Welt bringt, wird sie
verspottet. Bestenfalls zwei oder drei Mädchen werden benötigt, um im Haushalt
zu helfen, auf dem Land zu arbeiten und sich um die Tiere zu kümmern.
Unser Haus aus Stein war groß und von einer Mauer umgeben, in der sich eine große
Tür aus Eisen befand. Sobad wir drinnen waren, wurde sie geschlossen um zu
verhindern, dass wir nach draußen gingen. Du konntest durch diese Tür nach
innen gelangen, aber du konntest nicht mehr nach draußen gehen. Meine Mutter
und mein Vater gingen nach draußen, aber niemals wir Mädchen. Mein Bruder ging
hinaus und kam durch diese Tür zurück. Er ging auch ins Kino; er machte, was
er wollte.
Ein Tag ohne Schläge war etwas ungewöhnliches. Mein Vater schrie zum Beispiel
"Warum sind die Schafe von alleine zurückgekommen?" . Dann zog er
mich an den Haaren und brachte mich in die Küche, um mich dort zu schlagen.
Einmal hat er meine Schwester Kainat und mich festgebunden. Die Hände waren
hinter dem Rücken festgemacht und auch unsere Füße waren gefesselt. Damit wir
zu Schreien aufhören, band er uns einen Schal um den Mund. Wir mußten die
ganze Nacht so verbringen: Angebunden an ein Tor, welches zum Stall führte.
So sah das Leben in unserem Dorf aus. Die Mädchen und Frauen in den anderen Häusern
wurden auch regelmäßig geschlagen. Du konntest ihre Schreie hören. Meine
Schwester wurde von ihrem Ehemann geschlagen und brachte Schande über unsere
Familie, als sie sich darüber beschwerte.
Meine Mutter hatte 14 Kinder, aber nur 5 überlebten. Eines Tages erfuhr ich,
warum. Ich war wohl noch keine 10 Jahre alt und Noura, meine ältere Schwester,
war mit mir zusammen. Wir kamen von den Feldern zurück und fanden meine Mutter
auf einem Schafsfell auf dem Boden liegend. Sie lag in den Wehen und meine Tante
Salima war bei ihr. Sehr schnell nahm meine Mutter das Schafsfell und erstickte
das Baby. Ich sah, wie sich das Baby einmal bewegte und dann war es vorbei. Es
war ein Mädchen. Das war das erste Mal, dass ich meine Mutter dies tun sah. Es
folgte auch ein zweites Mal. Ich bin nicht sicher, ob ich beim dritten Mal auch
dabei war, aber ich wußte zumindest davon. Und ich hörte wir Noura sagte
"Wenn ich Mädchen bekommen werde, werde ich das gleich wie du tun!"
So entledigte sich meine Mutter also ihrer 7 Töchter, die sie nach Hanan gebar,
der letzten Überlebenden. Von diesem Tag an versteckte ich mich jedesmal und
weinte, wenn mein Vater ein Schaf oder ein Huhn schlachtete.
So lang ich mit meinen Eltern zusammenlebte hatte ich Angst, dass ich plötzlich
sterben müßte. Ich hatte Angst, eine Leiter nach oben zu besteigen, wenn mein
Vater dabei war. Ich hatte Angst vor dem Beil, welches zum Holzhacken benutzt
wurde, Angst vor dem Brunnen, wenn ich zum Wasserholen ging. Sowohl meine
Mutter, als auch ich fürchteten den Brunnen am meisten. Ich habe das bemerkt.
Manchmal, wenn meine Schwester Kainat und ich von den Feldern zurückkamen,
sprachen wir darüber, was passieren könnte: "Stell dir vor, wenn jeder
tot ist, wenn wir zurückkommen... Und was, wenn Vater unsere Mutter getötet
hat? Er bräuchte nur einen Stein zu nehmen und das war´s!"
Die Möglichkeit, dass unserer Mutter sterben würde, beschäftigte uns mehr als
die Angst, dass eine Schwester sterben könnte. Schließlich gab es genug andere
Schwestern. Auch unsere Mutter wurde oft geschlagen, so wie wir. Manchmal
versuchte sie, dazwischen zu gehen, wenn unser Vater uns sehr grob schlug und
dann schlug er auch sie und riss ihr Haare aus.
Ich habe meine Bruder Assad seit 25 Jahren nicht gesehen, aber ich würde ihn
gerne eine Frage fragen: "Wo ist unsere Schwester Hanan, die verschwunden
ist?" Hanan war ein sehr hübsches Mädchen, sehr dunkel und viel schöner
als ich, mit dicken Haaren und schönen Augenbrauen über ihren Augen. Sie war
nicht dünn, so wie ich. Sie war eine Träumerin und achtete kaum darauf, was
man zu ihr sagte. Wenn sie zu uns kam und uns dabei half, Oliven zu pflücken,
tat sie dies sehr langsam. Das war ziemlich unüblich in meiner Familie: Du
gehst und arbeitest schnell und rennst, um die Tiere zu holen.
Ich war im Haus, als ich eines Tage Schreie hörte. Meine kleineren Schwestern
und ich rannten los, um zu sehen, was passierte. Hanan saß auf dem Boden und
fuchtelte mit ihren Armen und Beinen, während Assad über ihr war und sie mit
dem Telefonkabel strangulierte. Wir pressten uns gegen die Wand, damit uns
niemand sehen würde. Assad muss uns aber gehört haben, denn er rief "Geht
raus! Verschwindet!"
Als unsere Eltern zurückkamen, sprach meine Mutter mit Assad. Ich sah, wie sie
weinte, aber ich wußte, dass sie nur so tat. Allmählich verstand ich, was mit
Mädchen in meinem Land passiert. Es wird an einer Familienversammlung
entschlossen und an einem schrecklichen Tag,wenn die Eltern niemals daheim sind,
passiert dann die schlimme Tag. Nur derjenige, der dazu bestimmt ist, das Opfer
zu töten, ist mit dem ernannten Opfer zusammen.
Ich weiß nicht, warum Hanan dazu verurteilt wurde, zu sterben. Ist sie alleine
ausgegangen? Wurde gesehen, wie sie mit einem Mann spricht? Hat ein Nachbar sie
angezeigt? Es braucht nicht viel , damit ein Mädchen von jedem als Hure
abgestempelt wird, die Schande über die Familie gebracht hat und die sterben muß,
um die Familienehre zu bewahren, genauso wie die Ehre des gesamten Dorfes.
Während ich groß wurde wartete ich hoffnungsvoll auf meine Hochzeit. Ich war
mittlerweile 18 und haßte Dorfhochzeiten, weil alle Mädchen sich über mich
kaputtlachten. Keiner wollte Kainat, meine ältere Schwester, haben und sie hat
resigniert und sich damit abgefunden, eine alte Jungfrau zu werden. Für mich
war das absolut deprimierend, weil ich ja schließlich warten mußte, bis Kainat
verheiratet war, um selbst heiraten zu können.
Dann fand ich heraus, dass ein Nachbar, Faiez, nach mir gefragt hatte.
"Aber wir können jetzt noch nicht über deine Hochzeit reden, " erklärte
mir meine Mutter, "wir müssen auf deine Schwester warten."
Faiez lebte in dem Haus gegenüber von uns. Manchmal konnte ich ihn von
unserer Terrasse aus sehen, wenn ich unsere Wäsche zum Trocknen auslegte. Er mußte
einen guten Job in der Stadt haben, denn er kleidete sich nicht wie ein
Arbeiter. Er trug immer einen Anzug und er hatte eine Aktentasche und ein Auto.
Ich stellte mir vor, dass wir verheiratet wären und dass er von der Arbeit zurückkommen
würde und ich ihm seine Schuhe ausziehen würde und seine Füße waschen würde,
so wie es meine Mutter für unseren Vater getan hat. Ich wäre eine Frau mit
einem Ehemann! Vielleicht könnte ich sogar Schminke tragen, mit ihm ins Auto
steigen und in die Stadt zu den Geschäften fahren!
Aber was sollte ich machen? Ich wollte, dass er weiß, dass ich auf ihn auch
wartete. Ich entschloss, dass ich alles versuchen würde, um mit ihm zu
sprechen, auch wenn ich riskiere, dass ich geschlagen werden würde oder
gesteinigt werden würde. Eines Tages hörte ich Fußschritte auf dem Schotter
außerhalb unseres Hauses. Ich breitete meine wollene Decke über die Ecken der
Terrasse aus und schaute nach oben. Er sah mich und ich wußte, dass er
verstand, obwohl er kein Zeichen von sich gab und wir auch auch kein Wort
sprachen.
Dann gab es regelmäßige, heimliche Treffen. Eines Tages legte er seine Hand
auf meinen Schenkel. Ich wies ihn zurück. Er schaute mich verärgert an.
"Warum willst du das nicht? Komm schon!" Ich hatte so Angst davor,
dass er mich verlassen und nach einer anderen Frau gucken würde. Also ließ ich
ihn tun, was er wollte- ohne richtig zu wissen, was mit mir passieren würde. Er
war nicht brutal, aber der Schmerz überraschte mich doch. Er sagte, er würde
mich lieben.
Eines Tages im Stall fühlte ich mich unwohl. Der Geruch von Dünger machte mich
schwindelig. Und später, als ich das Essen vorbereitete, wurde mir durch das
Hammelfleisch schlecht. Ich suchte nach einem Grund, der nicht der schlimmste
sein könnte. Natürlich konnte ich mit niemandem reden. Wenn ich schwanger wäre,
würde mein Vater mit dem Schafsfell ersticken.
Als ich es Faiez erzählte, wurde sein Gesicht weiß. Er versprach, dass er mit
meinem Vater reden würde. Er sagte, dass ich warte solle, "Bis ich dir ein
Zeichen gebe.". Die Tage vergingen und er gab mir kein Zeichen. Ich war die
ganze Zeit voller Hoffnung, dass ich ihn aus dem Nichts auftauchen sehen würde,
so wie es vorher immer passierte, rechts oder links von der Schlucht, wo ich
mich immer versteckt hatte.
Drei oder vier Monate später wurde mein Bauch immer dicker. An einem Waschtag
kam mein Vater zu mir , sein Stock schlürfte am Hofboden. Er blieb hinter mir
stehen. "Du bist schwanger," sagte er. Ich legte die Wäsche zurück
in das Becken. Ich konnte ihn nicht angucken. "Nein, Vater,"
antwortete ich. Später verteidigte ich mich bei meiner Mutter und versicherte
ihr, dass ich meine Tage gehabt hätte.
Dann gab es eine Familienversammlung, an der ich natürlich nicht teilnehmen
durfte. Dabei waren meine Eltern, Noura und mein Schwager Hussein. Vollkommen
verängstigt lauschte ich hinter der Wand.
Meine Mutter sprach zu Hussein: "Wir können unseren Sohn nicht fragen. Er
wird es nicht machen könne- er ist zu jung."
"Ich werde mich um sie kümmern."
Dann mein Vater: "Wenn du es machen möchtest, dann achte darauf, dass es
richtig geschieht. Was schlägst du vor?"
"Keine Sorge. Ich werde einen Weg finden."
Ich hörte, wie meine Schwester weinte und sagte, dass sie das nicht hören und
nach Hause gehen möchte. Hussein sagte ihr, dass sie warten müsse und bestätigte
die Abmachung mit meinen Eltern: "Ihr werdet ausgehen. Wenn ihr zurückkommt,
wird es erledigt sein."
Ich konnte nicht glauben, was ich gehört hatte. Ich wunderte mich, ob es nicht
ein Traum, ein Albtraum sein könnte. Würden sie mich wirklich töten? Und wenn
ja, wann würde es passieren? Wie? Würden sie meinen Kopf abhacken? Vielleicht
dürfte ich das Kind bekommen und danach werden sie mich töten? Würden sie das
Baby behalten, wenn es ein Junge wird? Würde es meine Mutter ersticken, wenn es
ein Mädchen ist?
Am nächsten Tag erzählte meine Mutter, dass sie mit meinem Vater in die Stadt
gehen würde. Ich wußte, was das bedeutete. Ich schaute auf den Hof; es war ein
großer Platz, ein Teil von ihm war gefliesst, der andere mit Sand bedeckt. Er
war von einer Mauer umrundet und auf der Mauer war Stacheldraht. In der einen
Ecke befand sich die eiserne Tür ohne Schloß oder Schlüssel und nur mit einem
Griff auf der äußeren Seite. Wenn er kommen würde, könnte er nur durch diese
Tür kommen.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Mein Schwager war da, er kam zu mir. Er lächelte.
Noch 25 Jahre danach habe ich diese Bilder immer wieder in meinem Kopf, als wäre
die Zeit stehengeblieben. Ich saß auf einem Stein, barfuß, in einem grauen
Kleid. Ich senkte meinen Kopf nach unten und war nicht fähig, ihn anzugucken.
Mein Vorderkopf lag auf meinen Knien. Dann rannte ich plötzlich und stand unter
Flammen und schrie. Da waren Frauen, erinnere ich mich, zwei von ihnen, also mußte
ich über die Gartenmauer geklettert und auf die Straße gekommen sein.Sie
schlugen mich, ich glaube mit ihren Schals. Sie drängten mich zum Dorfbrunnen.
Ich fühlte das kühle Wasser an mir runterlaufen und ich schrie vor lauter
Schmerz, weil es mir auch weh tat. Ich hörte, wie die Frauen über mich
jammerten "Das arme Ding! Das arme Ding!" Ich lag in einem Auto. Ich
merkte die Erschütterungen der Straße. Ich hörte mich selbst stöhnen.
Später wurde ich in einem Krankenhausbett wie ein Ball eingewickelt. Eine
Krankenschwester kam, um mir meine Kleidung abzunehmen. Sie ging ziemlich grob
mit mir um und der Schmerz durchfuhr mich. Ich schlief, mein Kopf lag immer noch
auf der Brust genauso wie es war, als ich angezündet wurde. Meine Arme lagen
neben meinem Körper. Beide waren gelähmt. Ich wollte mich kratzen, wollte
meine Haut abkratzen, um den Schmerz zu stillen. Meine Hände waren auch noch
da, aber ich konnte nichts benutzen.
Als ich aufwachte sah ich zwei nackte Füße, ein langes schwarzes Kleid,
einen kleinen Körper, so wie ich, schlank, fast dünn. Er war nicht die
Krankenschwester. Es war meine Mutter. Ihre zwei Zöpfe waren mit Olivenöl getränkt,
ihr schwarzer Schal, die strenge Strin, ein Runzeln zwischen ihren Augenbrauen
über der Nase, sie sah aus wie ein Raubvogel. Sie machte mir angst. Sie saß
auf einem Stuhl mit ihrer schwarzen Tasche und begann zu schluchzen. Ihr Kopf
ging dabei vor und zurück. Sie schluchzte wegen der Schande, Schande um sie
selbst und über die ganze Familie. Ich sah Haß in ihren Augen.
Niemals im Leben werde ich das große Glas vergessen, welches bis zum Rand mit
einer durchsichtigen Flüssigkeit, wie Wasser, gefüllt war. "Trink das.
Ich bin es, der dir das gibt."
Ich war so durstig, dass ich versuchte, mein Kinn zu heben, aber ich konnte es
nicht. Plötzlich trat ein junger Doctor ein, einer der wenigen, der mich hier
freundlich behandelt hatte. Meine Mutter sprang auf. Er nahm ihr das Glad aus
der Hand und stellte es auf das Fenstersims. "Nein!" rief er. Er nahm
meine Mutter am Arm und brachte sie aus dem Zimmer. "Du kannst froh sein,
dass ich genau im richtigen Moment ins Zimmer gekommen bin!", sagte er.
"Von jetzt an darf deine Familie dich nicht mehr besuchen."
Es war drei oder vier Tage später. Ich hatte immer noch nichts gegessen oder
getrunken, seitdem ich ins Krankenhaus eingeliefert wwar. Ich wußte, dass sie
mich sterben lassen würden, weil es verboten war, in Fälle wie meine
einzugreifen. Jeder sah in mir die Schuldige. Ich müßte das Schicksal einer
Frau ertragen, die die Ehre eines Mannes verletzt hat. Sie hatten mich nur
gewaschen, weil ich gestunken hatte. Sie behielten mich hier, weil es ein
Krankenhaus war, wo ich sterben sollte ohne meiner Familie oder dem Dorf noch
mehr Schaden zufügen zu können. Hussein hat seine Arbeit verpfuscht. Er hatte
mich brennend davonlaufen lassen.
Eines Nacht fühlte ich einen ungewöhnlichen Schmerz, als würde ein Messer in
meinen Bauch gerammt werden. Ich fühlte etwas fremdes zwischen meinen Beinen.
Zuerst bemerkte ich gar nicht, dass ich gerade ein Kind bekam. Der Doktor hörte
meine Schrei und kam in den Raum. Er nahm das Baby web, ohne es mir zu zeigen.
Später erzählte man mir, dass ich nach 6 Monaten einen kleinen Jungen geboren
hatte, der am Leben war und um den man sich kümmerte. Ich hörte nur ungenau,
was man zu mir sagte, denn meine Ohren waren auch verbrannt und taten unheimlich
weh.
Einmal kam jemand in mein Zimmer, irgendwann mitten während des ganzen
Albtraums. Eine Hand fuhr über meine Gesicht, ohne es zu berühren. Die Stimme
einer Frau sprach mit Akzent auf Arabisch zu mir: "Ich werde dir helfen,
verstehst du mich?" Ich sagte "JA", ohne daran zu glauben. Ich fühlte
mich in diesem Bett so unwohl. Ich war die Zielscheibe für jedermanns Hohn. Ich
konnte nicht verstehen, wie irgendjemand mir helfen könnte. Aber ich sagte ja
zu dieser Frau. Ich wußte nicht, wer sie war.
Mein zweites Leben begann in Europa Ende der siebziger Jahre auf einem
internationalen Flughafen. Versteckt hinter einem Vorhang roch mein Körper so
furchtbar, dass sich viele der Passagiere an Bord auf dem Flug nach Europa
beschwerten.
Aber neben mir, in einer Wiege, lag mein Sohn Marouan. Ich schaute auf sein
Gesicht, welches lang und dunkel war. Er wurde in einem Waisenhaus gefunden,
wohin ihn das Krankenhaus gebracht hatte, weil man erwartete, dass ich sterben würde.
Die Frau, Jacqueline, eine Arbeiterin einer humanitären Organisation, hatte ihn
ausfindig gemacht. Sie hatte außerdem meine Eltern davon überzeugt, mich ihr
zu übergeben, indem sie sagte, dass sie mich woanders zum Sterben hinbringen würde.
Später erfuhr ich, dass mein Vater ihr versprach, mich nie wiederzusehen
"Niemals!". Sie würden dem Dorf sagen, dass ich gestorben wäre,
damit die Ehre wieder hergestellt worden wäre.
Jacqueline brachte mich in ein schweizerisches Krankenhaus, wo meine
Verbrennungen behandelt wurden. Ein Tag nach meiner Ankunft hatte ich eine
Notoperation, damit mein Kinn von meiner Brust entfernt werden würde, damit ich
meinen Kopf heben könnte. Viele Monate lang bekam ich Hauttransplantate, 24
Operationen zusammen. Die zweite Haut wurde von meinen Beinen genommen, die
nicht verbrannt waren, bis keine Haut mehr übirg war.
Zuerst hingen meine Arme starr an meinem Körper herab, wie bei einer Puppe.
Aber nach und nach wurden sie gestärkt und schließlich konnte ich sie bewegen.
Ich konnte wieder stehen, in den Korridoren entlanggehen und meine Hände
benutzen.
Ich lebe jetzt in Europa, wo ich mit einem liebevollen Mann verheiratet bin, der
Antonio heißt. Wir haben 2 Töchter. Als Marouan 5 war, habe ich ein Papier
unterzeichnet, welches seinen Pflegeeltern erlaubt, ihn zu adoptieren. Wir haben
mit diesen Pflegeeltern 4 Jahre lang nach meiner Ankunft zusammengelebt. Seine
Eltern wurden auch zu meinen Eltern. Ich fühle mich für diese Entscheidung
immer noch schuldig, aber ich weiß, dass Marouan glücklich darüber war und er
weiß, dass ich am Leben bin. Ich war 24 Jahre alt und ich fühlte, dass ich
nicht länger bleiben konnte. Ich mußte arbeiten, unabhängig werden und auch
erwachsen werden. Ich wäre gar nicht dazu in der Lage gewesen, ihn alleine großzuziehen.
Ich bin immer noch Muslima, aber ich habe nur wenige Traditionen meines Dorfes
beibehalten. Ich verabscheue Gewalt. Wenn jemand mir vorwirft, dass ich gegenüber
der muslimischen Religion kritisch bin, versuche ich dieser Person dabei zu
helfen, was sie vorher nicht verstanden hat. Unsere Mutter hat viel mit unseren
Nachbarn gestritten. Sie schmiss Steine nach ihnen oder zog sie an ihren Haaren.
In meinem Land sind die Frauen immer auf die Haare aus.
Mehr als 6000 ´Ehren-´ Morde finden jährlich statt- in der West Bank, in
Jordanien, Türkei, Iran, Irak, Jemen, Indien und Pakistan. (Aber auch in Europa
hat es diesen Unsinn schon gegeben.) In Pakistan ist dieser Brauch sogar als
Teil der nationalen Kultur anerkannt. In Jordanien haben Männer, die ihre
Ehefrauen in Wutausbrüchen umgebracht haben, ein Recht auf Nachsichtigkeit des
Gerichts. Dasselbe gilt für die Männer, die ihre Frauen aus bloßem Verdacht
wegen Untreue umbringen. Es wird immer üblicher, dass ´entehrte´ Familien
Menschen dazu anheuern, für Geld ihre entflohenen Frauen zu suchen. Das führt
dazu, dass diese geflücheten Frauen in den anderen Ländern immer dazu
gezwungen sind , sich zu verstecken.
Seit meinem Erlebnis habe ich viele dieser Frauen getroffen. Ein junges Mädchen
von ihnen hat keine Beine. Sie wurde von zwei Männern angegriffen, die sie
gefesselt haben und an eine Zugschiene festgebunden haben. Ein anderes Mädchen
wurde von ihrem Vater und ihrem Bruder fast erstochen und in einen Müllbeutel
geworfen. Es gibt eine andere, deren Mutter und Brüder sie aus dem Fenster
geschmissen haben: Jetzt ist sie gelähmt.
Ich habe bisher keine andere angezündete Frau kennengelernt. Soweit ich weiß,
hat keine von ihnen überlebt.
Ausschnitte aus "Lebendig verbrannt" von Souad (Bantam)